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6/2025 ·
lehrer nrw
SCHULE & POLITIK
ben. Ist dieses Handlungsmuster überhaupt
noch zeitgemäß? Mitnichten!
Die Notwendigkeit höherwertiger Ausbil-
dungsniveaus und -abschlüsse steht in
krassem Gegensatz zu einer Politik, die die
Personalausgaben für den Bildungsbereich
zu beschränken bzw. inflationsbereinigt
sogar zu kürzen gedenkt. Die Teuerungsrate
für die Ausgaben in der Daseinsvorsorge
(Nahrungsmittel, Wohnkosten, Kranken-
und Pflegeversicherung, etc.) liegt ver-
gleichsweise sehr hoch, so dass ein Ab-
schluss unterhalb des Tarifergebnisses für
die Beschäftigten bei Bund und Kommunen
einen Reallohnverlust bedeuten würde.
Konkurrierende
Personalgewinnung
Unabhängig davon ist jedoch eine ange-
messene Entgelterhöhung zwingend not-
wendig, damit die Gewinnung von qualifi-
ziertem und geeignetem Personal gelingen
kann. Beim Wettbewerb um die besten Köp-
fe auf dem Arbeitsmarkt buhlen die Arbeit-
geber der freien Wirtschaft mit mannigfa-
chen Vorzügen um Fachkräfte, die deren
wirtschaftlichen Unternehmenserfolg sicher-
stellen können. Fachkräfte, die eventuell
auch für den Schuldienst zu gewinnen
wären.
Ein ‘Drücken’ der Personalkosten für die
Beschäftigten im öffentlichen Dienst durch
unzulängliche Lohnzuwächse ist deshalb
ein äußerst kurzsichtiges Ansinnen, führt
es doch dazu, dass in den Schulen weiter-
hin Lehrkräfte fehlen werden, die eine qua-
lifizierte Grundbildung der Schülerinnen
und Schüler für eine spätere Berufsausbil-
dung überhaupt erst gewährleisten.
Darüber hinaus bleibt in diesem Zusam-
menhang das Ziel der Persönlichkeitsbil-
dung in den Schulen oftmals unberücksich-
tigt, die bei zurückgehender Erziehungsleis-
tung in den Elternhäusern sowie bei über-
mäßigem Medienkonsum der Kinder und
Jugendlichen mit entsprechenden Folgewir-
kungen kaum gelingen kann. Die jedoch
von erheblicher Bedeutung für eine erfolg-
reiche Schulausbildung und Berufslaufbahn
ist.
Unzureichende
Arbeitsstrukturen
Die Schulen bieten derzeit nicht die Bedin-
gungen und Voraussetzungen, um eine um-
fassende Bildung autonomer Persönlichkei-
ten leisten zu können. Denn die Gruppen-
größen und die Zeitumfänge, die für den
Aufbau personaler Beziehungen zu Schüle-
rinnen und Schülern erforderlich sind,
reichen bei weitem nicht aus.
Es ist ein Trugschluss, Verbesserungen im
Bildungssektor zu erwarten, ohne die Struk-
turen des Bildungsprozesses insgesamt in
den Blick zu nehmen. Wenn jetzt bei dem
gigantischen Sondervermögen des Bundes
auch der Bildungsbereich bedacht werden
soll, dann bedeutet das allein, dass in neue
Gebäude investiert wird. Bildung lebt aber
ganz entscheidend vom Personal, von Zeit
für die Arbeit mit Menschen. Diese sind in
diesem Prozess nicht zu ersetzen.
Wer deshalb an dieser Stelle Kürzungen
vorsieht, ist verantwortlich für Personalman-
gel. Und für Defizite, zu Lasten anderer! Er
tut dies auf Kosten der Kinder und Jugendli-
chen, die keine optimalen Bedingungen für
ihre Schullaufbahn vorfinden, aber auch auf
Kosten der Wirtschaft, die dann diese schuli-
schen Defizite ausgleichen muss. Oder auf-
grund von Mangel an geeigneten Fachkräf-
ten die eigene Produktion/Dienstleistung
beschränken muss.
Unbedingt Anschluss
halten!
Die Zielrichtung für die Tarifverhandlungen
der Länder kann daher nur dahin gehen, dass
eine Beschäftigung beim Land als attraktiv
und erstrebenswert angenommen wird, so
dass in der Konkurrenz zur Privatwirtschaft
eine erfolgreiche Personalgewinnung gelin-
gen kann. Der Bildungsbereich braucht das
beste Personal und der schulischen Aufgabe
angemessene Unterrichtsstrukturen. Nur so
kann wieder ein positives Gesamtbild von
Schule für Lehrkräfte, aber auch für Schülerin-
nen und Schüler entstehen.
KOMMENTAR
Kein Abschluss
ohne Anschluss!
Schulen zählen zur Infrastruktur einer Gesell-
schaft und ihrer Volkswirtschaft. In vielen Be-
reichen ist diese Infrastruktur leider marode. Das
Infrastrukturprogramm des Bundes soll Abhilfe
schaffen, ist aber mit dem Mangel behaftet,
dass es keine Personalausgaben beinhaltet.
Diese obliegen im Bildungsbereich den Ländern.
Bildung gelingt aber vor allem dann, wenn
genügend Menschen zur Verfügung stehen, die-
se zu vermitteln. Der Bund hat in den vergange-
nen Jahrzehnten den Ländern und Kommunen
weitreichende Aufgaben aufgebürdet, ohne sich
angemessen an den Kosten zu beteiligen. Kos-
ten, die sie in eine massive Verschuldung ge-
führt haben und die nun dazu führen, dass sie
sich nicht in der Lage sehen, das Geld für das
Wesentliche, die Bildung der nachwachsenden
Generation auskömmlich bereitzustellen.
Es ist zudem ein Unding, dass die Bundesländer
selbst als Arbeitgeber in den vergangenen Jahren
Schulen zunehmend mit weiteren Aufgaben be-
traut haben, ohne die personellen Ressourcen
dafür bereitzustellen. Die Lehrkräfte ächzen unter
diesen Arbeitsbedingungen, mit der Folge, dass
die psychischen Erkrankungen im Bildungsbereich
überproportional hoch ausfallen. Ein Umstand,
der den Personalmangel sogar noch verschärft.
Alles in allem Bedingungen, die den Schulen
das Leben schwer machen, ihren Auftrag zu er-
füllen. In vielen Fällen gelingt dies schon nicht
mehr. Deshalb sind die Ergebnisse dieser Tarif-
verhandlungen auch von so eminenter Bedeu-
tung, weil die Gesellschaft im Bildungsbereich
am Scheideweg steht.
Ein Anschluss an die Ergebnisse der Tarifver-
handlungen bei Bund und Kommunen, vor al-
lem aber der Privatwirtschaft sowie eine Ver-
besserung struktureller Arbeitsbedingungen
sind unerlässlich, um das System Schule wieder
auf ‘gesunde Füße’ zu stellen.
Wer im Bildungsbereich Einsparungen vor-
nimmt, der greift das Fundament eines system-
relevanten Bereiches der Gesellschaft an. Das
ist das Problem!
Deshalb ist ein politisches Umdenken unbe-
dingt vonnöten. Denn: Wir sind Teil der Lösung!
Ulrich Gräler
Ulrich Gräler ist Mitglied der dbb-Bundestarifkommission
und
lehrer nrw
-Referatsleiter Tarif
E-Mail: graeler@lehrernrw.de