Über eine neue Epidemie

»Seit 2000 Jahren lebt die Erde ohne Liebe. Es regiert der Herr des Hasses.«

Hass macht sich in Deutschland breit – bundesweit und über die Sozialen Medien in aller Welt – wie Unkraut, das sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitet – flächendeckend.

Hass schürt Ängste, schafft Ratlosigkeit und weckt Widerstand. Und dies nicht nur unter Erwachsenen, sondern auch unter Kindern und Schülern in unseren Kitas, Kindergärten und Schulen. Vielfach wird mit diesem Hass gespielt, man probiert aus, wie weit man gehen kann. Man experimentiert mit Hass und wartet gespannt auf die Ergebnisse bei den Opfern. Das ist eine erschreckende gesellschaftliche Entwicklung! Was macht das mit uns allen?

Die Welt am Sonntag berichtete am 12. Januar 2020 unter der Überschrift »Rücksichtslos und gewaltbereit – Straftaten gegen Mandatsträger nehmen zu« von einer bemerkenswerten Zunahme der Gewalt in unserer Gesellschaft. Zum ersten Mal stellte ein Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen einen Antrag auf einen großen Waffenschein, weil er sich extrem bedroht sah! Wieviel Angst muss man denn angesichts von direkten persönlichen Anfeindungen durch andere Menschen ausgesetzt sein, um sich aus Selbstschutz bewaffnen zu wollen? Fakt ist: Bürger gehen mittlerweile auch in Deutschland auf die Straßen, um gegen Politiker zu demonstrieren. Dabei scheuen sie sich nicht, diese auch öffentlich zu diffamieren und offenbar auch Angriffe auf sie anzudrohen und diesen Drohungen Taten folgen zu lassen. Was passiert da gerade mitten unter uns und mit uns?

Das, was vor Ort in den Kommunen, in den (un)sozialen Medien, inmitten unserer Gesellschaft passiert, nämlich Menschen zu bedrohen, zu beleidigen, zu diffamieren, zu verfolgen (auch öffentlich!) – das passiert spiegelbildlich auch in unseren Schulen.

»Hässlich, ich bin so hässlich, so grässlich hässlich; ich bin der Hass!«

Während der Schulzeit per Handy, auf dem Schulhof in den Pausen in direkter Konfrontation mit den Mitschülern, am Nachmittag bei Treffen in der Clique – überall begegnen Jugendliche dem Hass, der Missgunst oder der Unterwerfungsmaschinerie anderer Menschen, auch unter denen, die ihnen eigentlich nahe stehen! Wie das? Warum?

»Ätzend, ich bin so ätzend, alles zersetzend: Ich bin der Hass!«

Der Hass ist offenbar in Personen unterwegs – und schlägt zu, ob nachvollziehbar oder nicht – danach wird nicht gefragt. Eine gewisse Anonymität fördert sogar die Bereitschaft, öffentlich zu hassen! Der Hass muss einfach raus! Ohne Wenn und Aber, ohne Selbstdisziplin (was ist das denn?), unkontrolliert, ungeschützt, mit unabsehbaren Folgen – das schlimmste Szenario wird dabei in Kauf genommen. Warum ist das so? Warum sprechen Menschen heute ungehemmt das aus, was sie über andere Menschen denken – ohne jede Rücksicht auf irgendjemanden? Was treibt sie dazu, andere niedermachen zu wollen? Und das, ohne die Folgen und Konsequenzen ihres Handelns zu bedenken? Wollen sie wirklich einfach anderen ’nur’ wehtun? Ihnen schaden?

»Hassen, ganz hässlich hassen, ich kann’s nicht lassen. Ich bin der Hass!«

Zunächst einmal ist es für jeden Menschen wichtig, eine Entscheidung für sich zu treffen: Hasse ich mit, oder gehe ich dagegen vor? Wobei Zulassen gleich Mitmachen heißt: Stelle ich mich schützend vor Betroffene, oder schaue ich weg? Bin ich mutig, oder muss ich mich gar selbst und meine Familie oder Freunde schützen? An dieser Stelle sehen wir, wie weit unser Mut gehen muss, soll, kann, darf. Wo sind seine Grenzen und – kann ich sie noch verschieben? Kann ich mutiger werden, oder ist mein Preis dafür zu hoch? Kann ich mit meiner Angst vor Konsequenzen leben? Welchen Preis hat mein Mut? Und wie kann ich der Angst in mir begegnen?

Eins ist bei diesem Thema so sicher wie das Amen in der Kirche: Wir – jeder von uns – brauchen in unserer Gesellschaft heute ein dickes Fell! Sensibilität kann und darf man nur noch selten in der Öffentlichkeit zeigen, wenn es um unser eigenes Ich geht – denn dann zeigt man sich verletzlich!

Auch ich bin schon von einer Gruppe von Menschen gemobbt worden, gemieden, ausgegrenzt, ungegrüßt. Was macht das mit uns, wenn wir im Fokus von Hass stehen? Man sollte sein Selbstbewusstsein ausgraben, seine erlernten und tradierten Werte ausgraben, seinem Selbst ins Auge schauen, prüfen, ob man richtig gehandelt hat: Kann ich mein Handeln vor mir (und Gott) und vor anderen Menschen vertreten und begründen? Halte ich weiterhin mein Handeln, mein Statement, meine Wertebeurteilung für richtig – dann ist das mit mir okay. Dann sind andere Be- und Verurteiler auf dem falschen Dampfer. Dann muss ich das Verhalten Andersdenkender aushalten. Ich kann ihnen gern nochmals den Sinn meiner Handlungen erläutern, muss ich aber nicht. Es ist nämlich immer mein Handeln, mein Denken, meine Entscheidung. Von anderen Menschen darf und muss ich erwarten können, dass sie auch meine Entscheidung akzeptieren, ohne Wenn und Aber!

»Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt.«

Die Akzeptanz der Meinung anderer Menschen ist eine Grundregel gesellschaftlichen Zusammenlebens; allerdings findet sie dort ihre Grenze, wo die eigene Meinung und das daraus resultierende Handeln andere Menschen verletzt oder deren Grenzen willfährig überschreitet (auch dann, wenn es zu ihrem Wohl geschieht!) Dies gilt also auch dann, wenn wir die Meinung anderer nicht wertschätzen können. Aktives Einschreiten gegen Meinungen anderer ist jedoch immer dort nötig, wo das Denken und Handeln von Menschen anderen Menschen an Körper oder Seele Schaden zufügt!

Ich glaube, dass es gerade in heutiger Zeit nötig ist, klar zu bekennen, wofür ich stehe! Das muss man lernen, denn es braucht Mut und Rückgrat! Diese beiden Eigenschaften müssen jedoch schon in Kindheit und Jugend trainiert werden, damit jeder Erwachsene sich ihrer unentwegt im Alltag bedienen kann! Auch der Umgang mit Konflikten bezüglich unserer Mitmenschen muss geübt werden, damit vielfältiges gesellschaftliches Handeln erlernt werden kann. Ein langer Atem und ein erprobtes Standing in der Sache sind hilfreich dabei. All das kann erlernt und trainiert werden – in jedem Unterricht an jedem Unterrichtsgegenstand.

»Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß, viel mehr Spaß als irgendwas…«

Brigitte Balbach


* Dieser Text enthält Zeilen des Songs ’Codo … düse im Sauseschritt’ der Gruppe DÖF.

Zur Originalausgabe (PDF-Format)

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