Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung in der Schule begegnen
So lautete 2025 das Thema des 56. Mülheimer Kongresses.
Eingangs lud Prof. Dr. Lorenz Narku Laing sein Publikum zu einer kleinen Zeitreise durch die Kulturgeschichte ein. Nennen Sie mir einen Komponisten, der vor 1960 gestorben ist, lautet der erste Auftrag an die Zuhörerschaft. Namen wie Beethoven, Mozart, Brahms schwirren durch die Luft. Und nun nennen Sie mir bitte einige Philosophen. Das Spiel geht weiter. Aristoteles, Rousseau, Descartes, Schopenhauer, Nietzsche ruft es aus dem Publikum. Und nun gerne einige Künstler. Michelangelo, da Vinci, Monet, Rembrandt, van Gogh werden in den Raum geworfen. Zum Schluss bittet der Professor noch um ein paar Autoren, Schriftsteller oder Dichter. Goethe, Schiller, Fontane werden ins Feld geführt. Laing steht vorn und nimmt dieses beachtliche Potpourri abendländischer Hochkultur mit einem Lächeln zur Kenntnis.
Charmant entlarvt
Ob etwas an dieser Liste auffällig sei, fragt der Professor sein geneigtes Publikum. Ratlose Gesichter im Saal. „Sie haben mir ausschließlich weiße Männer genannt.“ Keine Clara Schumann, keine Hildegard von Bingen, keine Frida Kahlo, keine Jane Austen. Die Zuhörerschaft ist sicht- und hörbar verblüfft. Soeben hat jemand auf äußerst charmante Weise ihr männlichkeitsdominiertes, eurozentristisches Weltbild entlarvt.
Der Vortrag von Prof. Laing ist das Highlight des Mülheimer Kongresses 2025. Das liegt nicht zuletzt an der Person des Sozialwissenschaftlers und Rassismusforschers, der an der Evangelischen Hochschule Bochum lehrt. Die Professur trat er 2022 mit nur 30 Jahren an. Außerdem ist er Gründer der Diversityberatung Vielfaltsprojekte GmbH. Dieser Prof. Dr. Lorenz Narku Laing hat eine faszinierende Biografie. Geboren in Mainz als Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer ghanaischen Mutter, wächst er unter ärmlichen Bedingungen auf. Alltagsrassismus ist ein ständiger Begleiter in Kindheit und Jugend. Zuhause nennen seine Eltern ihn Narku, aber sie haben ihm in kluger Voraussicht auch einen deutschen Vornamen gegeben. Lorenz ist dein Bewerbungsname, schärft der Vater ihm ein. Den muss er zum ersten Mal benutzen, als er aufs Gymnasium wechselt. Wie er denn heiße, fragt ihn der Klassenlehrer. „Narku.“ – Ob er denn auch einen richtigen Namen habe, fragt der Pädagoge. Alltagsrassismus eben. Seitdem heißt Narku in der Schule Lorenz.
„Wegen solcher Menschen kann ich heute Professor sein“
Laing erzählt das ohne jede Verbitterung. Denn er hat auch andere Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt. Frau Weber zum Beispiel. Die war fassungslos, als ihr zwölfjähriger Schüler Lorenz Narku weinend und in Handschellen von zwei Polizisten „zur Klärung eines Sachverhalts“ in der Schule abgeliefert wurde. In dem Gymnasium war an jenem Tag wegen einer Lehrerkonferenz unterrichtsfrei. Das wollten die Beamten dem schwarzen Jungen, den sie in der Stadt angetroffen hatten, nicht glauben – und schon gar nicht, dass er überhaupt Gymnasiast sei. Frau Weber spie den Polizisten entgegen, dass sie Rassisten seien und jagte sie brüllend vor Zorn vom Hof. „Sie ist komplett eskaliert“, erinnert sich Laing, „und ich war glücklich, weil mich da jemand mit Leidenschaft und Herz verteidigt hat.“ Eine Kollegin von Frau Weber zahlte aus eigener Tasche Schulbücher für den Jungen, weil sich seine Familie das zeitweise nicht leisten konnte. „Wegen solcher Menschen kann ich heute Professor sein und zu Ihnen sprechen“, sagt Laing.
Ganz wichtig, betont er in seinem Schlusswort: „Antidiskriminierung muss Spaß machen. Feiern Sie Vielfalt!“
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